Entschwörungsdilemmata im Energiesparmodus

conspiracy
(Bild: Christopher Dombres / flickr.com – License)

 

Wir kennen sie alle.

Die seltsamen alten Männer, denen man, oft genug, ihr Alkoholproblem unmittelbar ansieht. Geifernd und zauselig sitzen sie in ihrem unaufgeräumten Wohnzimmer, wo hinter jeder Vitrine dunkel der Wahnsinn schimmert. Sie können nicht verstehen, warum wir DIE WAHRHEIT nicht sehen können – oder wollen. Sie möchten uns dabei helfen – allein, sie verheddern sich regelmäßig in ihren Gedankengängen. Wenn unser Blick irgendwann immer mitleidiger wird, werden sie wütend. Das Geifern wird zum Schäumen, Argumente zu Beschimpfungen. Dennis packt die Kamera weg, der Spuk ist zu Ende, sie sind wieder allein. Allein mit sich und ihrer persönlichen Geschmacksrichtung der Realität.

Wir machen es uns gerne leicht.

Natürlich haben die Knalltüten, die von irgendwelchen Nazi-UFO-Stationen auf der dunklen Seite des Mondes faseln, ernsthaft einen an der Waffel. Selbstverständlich ist das subversiv-antisemitische Gequatsche von der zionistischen Weltverschwörung nichts als (gefährlicher) Nonsens. Und ohne jede Frage sind diejenigen Subjekte, die hinter der legitimen und leider oft bitter nötigen Verteidigung einer Frau gegenüber verbaler oder physischer Gewalt nur zu gerne eine feministisch-aggressive Verschwörung gegenüber der Männerwelt wittern, nicht ganz dicht. So lange es um solche grotesken Absurditäten wie die o.g. Behauptungen geht, braucht es zum Glück nicht direkt nobelpreisverdächtige Geistesblitze, um Un- und Irrsinn identifizieren zu können.  Aber was, wenn es unübersichtlicher wird? Gehen wir mal ein paar hundert Jahre zurück. Das heliozentrische Weltbild beispielsweise war im Kontext einer von theologischen Narrativen durchdrungenen Gesellschaft viele Jahrhunderte lang genau das: eine völlig absurde Idee. Und die Behauptung, die Kirche würde aus undurchsichtigen Gründen an einem offensichtlich inkonsistenten Gedankengebäude festhalten, wäre damals von der überwältigenden Mehrheit zweifellos als lächerliche Verschwörungstheorie („Ketzerei“) abgetan worden. Eine kognitive Korrektur dieser Größenordnung war für die meisten Menschen schlichtweg unvorstellbar. Aber uns, uns in unserer doppelt und dreifach aufgeklärten und mit allen postmodernen Wassern gewaschenen Gesellschaft – UNS könnte sowas doch nie und nimmer passieren…oder?

Da wäre ich mir ehrlich gesagt nicht so sicher.

Es gibt sie nämlich durchaus noch, die weißen Flecken auf der Landkarte der Rationalität. Nur sind es heutzutage im Normalfall nicht mehr theologische Überzeugungen, die gerne mal von jedweder Reflexion ausgeklammert werden. Für manche ist heutzutage das kritische Beleuchten der israelischen Siedlungspolitik ein No-Go, für die anderen ist es das Atomprogramm der iranischen selbsternannten Chef-Antizionisten. Wiederum andere schalten dagegen bei 9/11 in den full-retard Modus und brüllen nur noch wahlweise „Inside Job!“ oder „Antiamerikanismus!“. Unabhängig davon, bei welche Ideen und Überzeugungen jeweils konkret als „Verschwörungstheorie“ gebrandmarkt werden und ob dies im Einzelfall sachlich richtig ist oder nicht: es gibt eine fundamentale Gemeinsamkeit: viele Diskutanten haben offensichtlich nicht begriffen, dass es schlicht und ergreifend keinerlei Sinn macht, neue Ideen primär anhand des Grades der Fremdartigkeit ihres Inhalts zu beurteilen. Würde die Wissenschaft so vorgehen, dann wären Galileo und seine Vorgänger nie auf die verwegene Idee gekommen, dass mit dem ptolemäischen Modell etwas nicht stimmen könnte. Es gäbe vermutlich überhaupt keine Form wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns, denn wenn man sich am intellektuellen Nullpunkt befindet (und dort muss man sich per definitionem ja anfangs befinden) und ergo nahezu nichts über die Welt weiß, dann ist logischerweise nahezu jede neue Erkenntnis erstmal ein unbegreiflicher Einschnitt in den geistigen Status Quo. Gerade deswegen wird die Gültigkeit von Erkenntnissen in der Wissenschaft ja auch nicht anhand ihres Inhalts, sondern anhand der Methodik, mit Hilfe derer sie gewonnen wurden, beurteilt. Man braucht aber eigentlich auch nicht unbedingt mit Karl Poppers gesammelten Werken unter dem Kopfkissen zu schlafen, um den zentralen Gedankengang zu verstehen: es macht ganz einfach keinen Sinn, eine These schon deshalb abzulehnen, weil alles ganz schön ungewohnt wäre, falls die These wahr ist.

Heißt das, wir müssen jetzt alle an Nazi-Stützpunkte auf der Rückseite des Mondes glauben?

Natürlich nicht. Wir sollten uns nur über die Art und Weise klar werden, wie wir mit Nonsens wie diesem umgehen. Natürlich ist es bequemer und schneller, bspw. durchgeknallte Mond-Nazi-Theoretiker einfach nachhaltig auszulachen, und ist auch völlig in Ordnung, das zu tun. Aber nur, solange man sich im Klaren bleibt, dass diese Knallköpfe prinzipiell eben auch Recht haben könnten. Selbstverständlich haben sie de facto nicht Recht, und es ist kinderleicht, das zu verargumentieren: es gibt bspw. keinerlei wissenschaftlich ernstzunehmende Hinweise, dass die Nazis über eine auch nur entfernt dazu taugliche Technologie verfügt haben könnten, von der Motivation zu einem solchen Vorhaben mal ganz zu schweigen. Aber die Tatsache, dass viele Verschwörungstheorien mit minimalem Aufwand auseinander genommen werden können, entbindet eben nicht von der Pflicht, die entsprechende Prüfung überhaupt erst mal vorzunehmen. Das nämlich wäre intellektuell unredlich – und auch gefährlich. Vieles, was noch vor 20 oder 30 Jahren als absurde Verschwörungstheorie von radikalen Spinnern abgetan wurde, hat sich mittlerweile als Realität herausgestellt. Und auch einige der aktuellen Theorien, ob jetzt politischer, gesellschaftlicher oder sonstiger Natur, die heute noch als blanker Unsinn diskreditiert werden, werden sich früher oder später als ganz oder teilweise wahr erweisen. Welche das sind, wird sich zeigen – aber wenn wir das einschätzen wollen, dann müssen wir uns damit beschäftigen.

Die Welt ist kompliziert, und sie wird, da wir immer mehr Facetten der Realität begrifflich-gedanklich unterscheiden können, unvermeidlicher Weise immer komplizierter. Komplexitätsreduktion ist nötig. Unser Hirn läuft zwar sowieso nur auf geradezu phänomenalen 20 Watt, aber eben dafür auch 24/7 (ja, auch im Schlaf). Umso besser, dass wir in den letzten Jahrhunderten einen neuartigen open-source Energiesparmodus erlernt haben, der uns ermöglicht, mit deutlich weniger Ressourcen deutlich mehr und auch deutlich verlässlichere Erkenntnisse zu gewinnen: er heißt „wissenschaftlich-rationales Denken“. Wir sollten ihn benutzen, statt alles Ungewöhnliche und Ungewohnte reflexartig zu diskreditieren, und uns (und unsere Gesprächspartner) in der Dauerschleife der vermeintlichen Gewissheiten festsitzen zu lassen. Nichts ist absolut schwarz oder weiß, schon alleine weil alles auch vom Blickwinkel des Betrachters abhängt. Selbstverständlich wird die Außenpolitik der USA der BRD der EU Chinas [setzen Sie an dieser Stelle den Staat ihrer Wahl ein] nicht ausschließlich von menschenverachtenden Monstern betrieben, die nur die nächste Öl- oder Gasquelle interessiert. Aber nichtsdestotrotz gibt es genug Gründe, davon auszugehen, dass im Zweifelsfall auch regelmäßig implizit oder explizit Menschenleben in der „dritten Welt“ für den finanziellen/wirtschaftlichen Profit einzelner Personen/Unternehmen oder auch Staaten geopfert werden. Anderes Beispiel: es gibt auch keinen vernünftigen Grund, von einer „geheimen Weltregierung“ auszugehen (zumindest soweit ich weiß). Aber es gibt durchaus institutionelle und personelle Verflechtungen, die große und weitgehend unkontrollierte Macht besitzen, die dem Wohl Weniger statt dem Wohl Aller dient – und dazu müssen die beteiligten Einzelpersonen noch nichtmal unbedingt alle bewusst und willentlich irgendeinen zentralen evil plan verfolgen. Zur Prüfung, welchen Grad an Zustimmung man den jeweiligen Positionen im Meinungsspektrum zubilligen kann (und auch für den m.E. exorbitant unwahrscheinlichen Extremfall, dass es diese „geheime Weltregierung“ tatsächlich doch geben sollte): die sinnvollste Art und Weise der Beschäftigung mit diesen Themen wäre ganz einfach die konsequente Anwendung des wissenschaftlich-rationalen Diskurses über unsere Erfahrungswirklichkeit und alle uns zugänglichen Informationsquellen – und nicht das prophylaktische Abbügeln ungewohnter Gedanken.

In diesem Sinne: sprecht miteinander!

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Gottesbeweis?! Nein, nicht wirklich.

god

Wie recht er doch hat.

Es ist wirklich ernsthaft tragisch, dass so wenige Leute zu verstehen scheinen, was wissenschaftliche Erkenntnisse sind – und was keine wissenschaftlichen Erkenntnisse sind.

>> tante.cc
(Bild: Waiting for the Word / flickr.com – License)

Gruppen & Zwänge. Oder: warum ich jetzt auch mal blogge.

Ich bin ein social-media Spätzünder.

Als die meisten meiner Freunde und Bekannten die ersten Intim-Erfahrungen mit myspace machten, las ich Romane und wollte Schriftsteller werden. Ich kannte die neuesten Bands meist erst eine oder zwei Wochen später, aber irgendwie machte mir das nicht viel aus. Ich hatte keine Abneigung gegen myspace, aber ich konnte den Reiz nicht ganz nachvollziehen. Dann kam StudiVZ. Der Hype nervte mich, und „Gruscheln“ entfaltete bei mir nie wirklich die faszinierend-unterschwellig-intime Bedeutung, die ihm wohl zugedacht war. Für mich persönlich war es vor allem eine Art virtuelle Freundeskreis-Konferenz, denn es ersetzte ein Stück weit die nervigen Absprache-Eskapaden via ICQ, IRC und Telefon.

Dann kam die Uni, StudiVZ war plötzlich so out, wie es nur out sein konnte – facebook war das neue Ding und es war so in, wie nur irgendetwas in sein konnte. Ich wusste irgendwie instinktiv, dass ich keinen facebook-account wollte. Warum? Das war mir anfangs selbst nicht so ganz klar. Weil facebook Geld mit dem Verkauf von Privatdaten verdient? Nein. Das ist zwar nicht besonders unterstützenswert, aber das ist nunmal der Deal, den wir im Internetzeitalter mit unseren kostenlosen eMailadressen und Bloghostern alle an einem gewissen Punkt eingegangen sind, wenn auch in unterschiedlichem Maße und auch wenn facebook sicherlich eine Extremform darstellt. Nein, meine Ablehnung war keine inhaltliche, es war eher eine formale und stilistische. Ich mochte schon die Art und Weise der Kommunikation bei StudiVZ nicht und nach allem, was ich von facebook sah und mitbekam, war es dort noch wesentlich widerlicher. Es erinnerte mich im Wesentlichen an eine Hofgesellschaft aus dem 16. Jahrhundert, in der die Kommunikation bevorzugt eine auf die Optimierung der eigenen Oberfläche getrimmte Meta-Kommunikation ist. Nicht das Bild ist wichtig, sondern die Frage, wer es gepostet hat (und auf wessen Pinnwand). Die Erstellung und Pflege des perfekten Profil-Bildes wird zur eigenständigen Wissenschaft, die Liste der facebook-Freunde zu einem soziokulturellem Distanzierungsmittel. Die gewünschte Dekonstruktion der digitalen Anonymität führte in einem grotesken Anfall an digitaler Unmündigkeit zu einem Zwang zur hypernormativen Identitätskonstruktion. Ich konnte nicht verstehen, warum die Anderen das nicht sehen konnten – oder, warum es ihnen egal war.

Zu dieser Zeit entdeckten die Massenmedien plötzlich die „sozialen Medien“, die ersten Artikel erschienen, in denen Mittfünfziger-Journalisten der ZEIT & Konsorten ihren Altersgenossen zu erklären versuchten, was genau denn diese „sozialen Medien“ wären und warum sich jetzt unbedingt alle schleunigst und sofort ein facebook-Profil zuzulegen und auf der Welle mitzuschwimmen hätten. Parallel dazu kam auf einmal twitter. Ich ignorierte es weitgehend, machte mir nichtmal Gedanken darüber, es schien mir zu unwichtig. Die Zeit verging, schnell war quasi jeder bei facebook, ich in dieser Hinsicht ein absurder Sonderling, der zunehmend aus dem Blickfeld vieler Bekannten verschwand. Es gab eine Zeit lang die bedauernden Sonder-Benachrichtigungen für mich, per Mail oder Handy, aber auch das hörte bald auf. Facebook war die Norm, keinen Account zu haben absolut unvorstellbar und fast schon sozialer Selbstmord. Ich fands ok. Ich hatte an der Uni genug zu tun, die wenige Freizeit reichte sowieso nur für die engeren Freunde und ein bißchen ehrenschaftliches Engagement. Ab und an diskutierte ich mit Leuten über facebook, aber niemand konnte oder wollte mein Unbehagen nachvollziehen. Die Argumente kamen meist nicht über „aber es ist doch sooo praktisch!“ und „ich stelle da doch nur Sachen rein, die JEDER sehen darf!“ hinaus. Das fand ich intellektuell etwas unbefriedigend, ich lies die persönliche Ebene daher meistens relativ schnell links liegen und kam auf meine politischen und sozialen Bedenken zu sprechen. Für die allermeisten war es scheinbar völlig unvorstellbar, dass facebook lediglich eine der glänzenden Oberflächen einer weltweiten digitalen Daten-Industrie war – und nicht etwa das gut gemeinte, aber leider in Sachen Privatsphäre etwas fehlerhafte Netzwerk, als das es seine Gründer und die Mehrheit der im social-media-Rausch versunkenen Journalisten darstellten. Es schien niemand ernsthaft über die Frage nachzudenken, ob es nicht für seine Krankenversicherung, für seine Bank oder für seinen Arbeitgeber evtl. doch ganz interessant sein könnte, was sich so aus den facebook-Daten rekonstruieren lies. Das war ca. 2008/2009, also noch bevor die Fälle, in denen Leute wegen facebook-Photos gefeuert wurden, wirklich zahlreich wurden, aber es war für mich absolut offensichtlich, wohin die Reise ging. Zur gleichen Zeit befasste ich mich auch immer intensiver mit der Frage nach Bürgerrechten und Überwachung. Man müsste (auch schon damals) intellektuell wirklich absolut blind UND taub gewesen sein, um nicht zu erkennen, dass ein Instrument wie facebook nicht nur perfekt für soziale Normierung, sondern eben auch für sozioökonomische und politische Kontrolle war. Daher konnte ich nur schließen, dass sich die meisten meiner Freunde und Bekannten (die nicht dumm sind) diese Fragen schlichtweg niemals gestellt hatten – und das machte mich nachdenklich. Vielleicht verpasste ich ja was? Vielleicht sogar das eine große,  zentrale, nicht zu verpassende Ding meiner Generation? Die Relevanz-Keule polterte bedrohlich über meinem Mittzwanziger-Kopf. Ich hatte zwar das Studentenleben in allen Facetten genossen und gelitten, ich war mit Kater im Seminar und zwischendurch auf den guten Festivals gewesen – aber vielleicht hatte ich ja wirklich das Wichtigste verpasst?

Irgendwann kamen die twitter-Revolutionen in Osteuropa, im nahen und mittleren Osten und in Nordafrika.

Ich war Anfang 2011 zufällig in Marokko, wo man einige Ausläufer des Umbruchs im benachbarten Tunesien beobachten konnte. Ich sah keine Smartphones, aber die Berichterstattung über die Proteste sprach jeden Tag von der zentralen Rolle, die das Netzwerk zumindest im Nachbarland scheinbar spielte. Ich war irgendwie diffus beeindruckt. Es war das erste Mal, dass ich einen wirklichen tiefergehenden Sinn in der Nutzung sozialer Medien zu sehen glaubte. Mir war schon vorher klar, dass die Art und Weise von Kommunikation sich auf die politischen Perspektiven auswirkt (s.o.), aber im Gegensatz zu facebook sah ich bei twitter eine Chance, dies für die „richtigen“ Zwecke zu nutzen. Nicht, weil es auf facebook oder sonstwo nicht auch Leute gegeben hätte, die die (für mich) richtigen Ziele verfolgt hätten. Sondern weil mir die innere Logik von twitter strukturell besser geeignet schien, eine offene Kommunikation zu fördern. Ich meldete mich an. Die 140 Zeichen ließen weniger Platz für permanente Selbstdarstellung (so dachte ich damals), sie erzwangen Präzision und Nachdenken. Twitter erschien mir eher als eine Art personalisierbarer Nachrichtenstrom, der sich durch seine virale Struktur nicht effektiv normieren und zensieren lasse. Und die politischen Ereignisse schienen das zu bestätigen: Diktatoren wurden gestürzt, Menschen jubelten und allenthalben blühte die politisch-digitale Emanzipation. Ich fühlte mich sogar, als hätte ich ein ganz klein bißchen dazu beigetragen, weil ich ein paar Mal von telecomix gesendete Fax-Nummern für Regimegegner retweetete und so verbreiten half. Zum ersten mal fühlte es sich richtig an – und nicht nur das, es fühlte sich gut an.

Kurz danach wurde ich buchstäblich gezwungen, mir auch ein facebook-Profil anzulegen. In der Verwaltung meiner Hochschule hatte sich Anfang 2012 offensichtlich die Haltung breit gemacht, man müsse angesichts von facebook ja die Uni-eigenen Homepages und Informationsportale im Grunde nicht mehr ordentlich verwalten und aktuell halten, denn schließlich wüssten ja alle per facebook sowieso blitzschnell über alles Bescheid. Das ging so weit, dass ich regelmäßig Freunde bitten musste, mir die relevanten Infos über Klausur-Termine etc. aus der zuständigen facebook-Gruppe herauszukopieren und per Mail zu schicken, worauf die nach ein paar Monaten schlichtweg keinen Bock mehr hatten. Es half also nichts, ich brauchte ein einen facebook-Zugang, um überhaupt halbwegs zeitnah auf dem Laufenden zu bleiben. Schon die Einrichtung des Accounts und das zur Aufnahme in die Semester-Gruppe nötige Procedere war mir so zuwider, dass ich es auch nachher nie fertig brachte, öfter als 1-2 mal im Monat die Seite aufzurufen. Die Tatsache alleine, dass ich überhaupt gezwungen war, diese Plattform zu  benutzen, lies mich fast vor Wut kochen. Aber die Alternative wäre gewesen, jede Einzelinformation zu jeder Veranstaltung einzeln auf der meistens völlig unübersichtlichen und teils veralteten Homepage irgendeines Instituts nach zu recherchieren oder einmal die Woche einen halben Tag mit dem Suchen und Abschreiben von irgendwelchen Info-Zetteln an den Türen irgendwelcher Sekretariate zu verbringen. Wir schrieben das Jahr 2012, aber eine große deutsche Universität war offenbar nicht willens und/oder in der Lage ein halbwegs zuverlässiges, übersichtliches und aktuelles Informationssystem bereit zu stellen. Also fügte ich mich und stellte sicher, dass niemand das Pseudonym meines Profils mit mir in Verbindung bringen konnte. Ich hatte ja einen Ruf zu verlieren: ich war ja schließlich der leicht durchgeknallte Typ, der schon 2008 gesagt hatte, wie scheiße facebook doch eigentlich sei und langsam aber sicher deutete sich auch der return on investment in Form von Authentizität, einer der ganz großen Goldmünzen meiner Generation, am Horizont an.

Langsam aber sicher gewann nämlich die Datenschutz-Diskussion Fuß in den großen Medien. Es waren die Monate nach der Analyse des Bundestrojaners durch den CCC und auch bei tagesschau & Co. hielt langsam die Erkenntnis Einzug, dass das „da mit den ganzen Daten im Internet“ vielleicht nicht alles ganz so unproblematisch war, wie man jahrelang hatte glauben wollen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich durch meine Beschäftigung mit der Thematik Überwachung/Sicherheitspolitik/Bürgerrechte/Netzpolitik schon so weit vom politischen tagesschau-Mainstream entfernt, dass ich beispielsweise über die Vorstellung, wir würden in einem Rechtsstaat leben, nur noch bitterböse lachen konnte. Spätestens seit der Ereignisse um Wikileaks und The Pirate Bay aber war ich zu der Überzeugung gelangt, dass schnellstmöglich etwas geschehen müsste, und zwar etwas politisches. Ich erlebte meine zweite politische Sozialisation, 10 Jahre nach der ersten. Zeitgleich fand der Höhepunkt des politischen Höhenflugs der Piraten statt und ich begann, twitter-Nachrichten nicht nur zu konsumieren, sondern versuchte, mich an den ständig, manchmal gefühlt fast mit Lichtgeschwindigkeit wechselnden Diskussionen zu beteiligen. Ich begann, twitter intensiv (für meine Verhältnisse) zu nutzen.

Ich brauchte eine Weile, bis ich die Mechanismen verstand.

Oft verstand ich nicht direkt, wovon die Rede war und musste mir die hashtags erst mühsam entziffern, wobei sich dann herausstellte, dass sich offenbar ~75% der deutschen twitter-User in den letzten Stunden über einen idiotischen Satz eines idiotischen Talkmasters im Idiotenfernsehen aufgeregt hatten, was mich nicht im Entferntesten interessierte. Ich versuchte, meine Timeline zu ändern, indem ich anderen Leuten folgte. Das klappte, so ein bißchen. Je länger ich dabei war, desto mehr beschlich mich allerdings der ungute Verdacht, dass es sich hier im Wesentlichen um ein großes Klassentreffen der social-media-Avantgarde handelte (die Leute eben, die 5 Jahre zuvor facebook und twitter für sich entdeckten, als ich mich weigerte). Man retweetete sich gegenseitig, man antwortete sich zumeist nur gegenseitig und man nahm überhaupt meist nur Notiz, wenn man sich sowieso kannte.  Wenn man weniger als wenigstens ein paar hundert follower hatte, hatte man praktisch keine Chance, signifikant Einfluss auf den Diskurs zu nehmen – ganz egal, wie gut die Argumente, wie relevant der getwitterte Link, wie ausgefeilt die Kommentare waren. Man war entweder Rockstar, oder man war Fan Follower. An sich war das nun nicht schlimm, ich hatte keinerlei Ambitionen, eine twitter-Identifikationsfigur zu sein, oder einer der auserwählten Star-Blogger, die bei jeder Gelegenheit  auf irgendwelchen Internetkonferenzen Nabelschau betrieben. Ich war am Netz als politischem Mittel interessiert, nicht an meinem Anteil am Aufmerksamkeitskuchen. Also machte ich weiter wie bisher und benutzte twitter als interaktiven Nachrichtenkanal, eine Kreuzung aus Nachrichten, Stammtisch und Suchmaschine. Und es machte ja auch Spaß, ich bekam viele interessante Informationen und versuchte, das Wichtigste davon wiederum weiterzuleiten. Ab und an konnte ich sogar mal einen meiner Ansicht nach wichtigen Punkt in den Nachrichtenstrom einwerfen, und wenn ich von jemand halbwegs Bekanntem retweetet wurde, hatte ich das Gefühl, etwas bewegt zu haben. Mit der Zeit aber bekam ich auch die destruktive Seite des Netzwerks zu sehen. Da waren die Shitstorms. Natürlich macht jeder mit, wenn es gegen korrupte Politiker geht und der Shitstorm kann ja auch eine legitime politische Waffe sein. Die gleiche Empörungslogik konnte ich aber auch immer öfter an anderen Beispielen beobachten. Hatte das Klassentreffen im Kern des twitter-Netzwerks erstmal ein Ziel auserkoren, dann flogen die Fetzen. Da es oft um Themen ging, in denen ich mich nicht unbedingt zum Experten erklären würde, beteiligte ich mich eher selten an diesen Gewitterstürmen – eigentlich nur, wenn es meinen politischen Überzeugungen entsprach. Ansonsten stand ich leicht amüsiert, und manchmal auch leicht gruselnd am Rand. Es war klar, dass die Wucht und die Unkorrigierbarkeit der twitter-Dynamik aus der Struktur des Netzwerkes selbst folgte: man hatte eigentlich nur mit Leuten zu tun, die mehr oder weniger die gleichen Ansichten hatten. Wie immer in solchen soziokulturellen Monokulturen kommt es bei Kontakt mit anderen Meinungen schnell zur Radikalisierung, zur Stärkung der Gruppenidentität und zu unmittelbarer (verbaler) Aggressivität. Man baut sich seine Filterblase, lässt nur ein paar streng ausgesuchte Leute rein (die einem möglichst ähnlich sind) und verteidigt das ganze mit Klauen und Zähnen. Was nicht heißt, dass nicht in manchen Situationen Aggressivität gegenüber den Meinungen anderer angebracht ist (Rechtsextremismus, Frauenfeindlichkeit usw. usf.). Natürlich war auch nicht alles immer so prähistorisch, es gab und gibt durchaus viele Menschen auf twitter, die sich regelmäßig die Mühe einer differenzierteren Betrachtung machen und nicht sofort zu einem willenlosen Element des Schwarms mutieren. Aber die grundsätzliche Tendenz ist sozialen Netzen nunmal immanent und die interne Struktur von twitter wirkt sich eben im Positiven wie im Negativen als mächtiger Verstärker aus. All das beunruhigte mich zwar immer mal wieder, grundsätzlich konnte ich dem Netzwerk aber nach wie vor eine positive Wirkung zusprechen.

So verging die Zeit. Nebenbei probierte ich ab Sommer/Herbst 2012 auch mal Googles Netzwerk Google+ aus, das mir anfangs aufgrund seiner Struktur eigentlich ganz gut gefiel – bis ich merkte, dass es von den relevanten Multiplikatoren mehr oder weniger links liegen gelassen wurde – es gab nur facebook, und vor allem eben twitter. In diesem Zusammenhang hatte ein weiteres Erlebnis, das mir zu denken gab. Ein halbwegs bekannter Blogger, dessen Texte ich sporadisch verfolgte, stellte einen Beitrag seines Blogs auch auf Google+ zur Verfügung. Da dies schon an sich selten vorkam, ergriff ich die Gelegenheit und schrieb einen im Ton freundlichen, inhaltlich aber recht konträren Kommentar. Seine einzeilige Antwort darauf bestand in der Aussage, dass er sehr gut damit leben könne, wenn ich seine Meinung nicht teilte. Dass er mich nicht überzeugt hatte, war ihm offensichtlich egal – ich war kein Journalist oder Blogger-Kollege und damit schlicht irrelevant. Es ist selbstverständlich das gute Recht eines jeden Menschen, die Meinung eines anderen Menschen für irrelevant zu halten und es geht auch nicht darum, dass ich deswegen persönlich beleidigt wäre oder ähnliches. Es ging mir um die Struktur der Kommunikation. Ich hatte eigentlich immer die Auffassung gehabt, der Vorteil (pathetisch gesprochen: der „Auftrag“) von Blogs sei es, eine bidirektionale Kommunikation zu ermöglichen: vom Autor zu den Rezipienten und eben auch wieder zurück. Was ich zunehmend erlebte, war das Gegenteil: die wahnhafte Errichtung von Meinungsmonopolen, die um jeden Preis gegen jeden Ansatz von Kritik verteidigt werden mussten, selbst wenn dazu das prophylaktische Blocken jedweder inhaltlichen Diskussion nötig war. Es war fast wie in der Politik: Kommunikation fand nur zur Sicherung der eigenen Deutungshoheit und der Stärkung der eigenen Meinungskoalitionen statt und auch das nur unter Personen, die an jeweils vergleichbaren Positionen der Meinungsindustrie saßen.

Ich war zunehmend desillusioniert. Das Internet im Allgemeinen und soziale Netze im Speziellen waren für mich nie interessant gewesen, weil ich dort montags nachlesen konnte, was A und B samstags auf der Party von C mit D besprochen hatten, oder dass E im Suff mit dem Ex von F rumgemacht hatte. Das Internet war für mich immer interessant gewesen, weil man damit eine Schneise in den klebrigen Brei der Ignoranz schlagen konnte, der einen umgab. All die Dummheiten und Widerwärtigkeiten, die einem im Alltagsumfeld begegneten, brauchten einen nicht mehr zu interessieren – man konnte sich jederzeit über jedes Thema austauschen, und zwar mit Leuten, die die Zeit wert waren. Dachte ich. Nun musste ich zunehmend erkennen, dass die zentralen Institutionen des Netzes – Blogs, soziale Netze – und deren zentrale Akteure oft nicht in diesem Sinne konfiguriert waren, vielleicht auch gar nicht sein konnten. Dieses Gefühl wurde noch bestärkt durch den rasanten Niedergang der Piratenpartei, die sich in hirnrissigen Streitereien und Twitter/SMS-Kleinkriegen verlor, die sich zumeist so ungefähr darum drehten, welcher Vorsitzende auf welcher Veranstaltung welchen Abgeordneten böse angeguckt hatte. Die nachfolgenden Meta-Diskussionen nahmen auf twitter meist  wesentlich mehr Raum ein als die eigentlichen Ereignisse oder gar die anstehenden politischen Fragen. Aber es wurde getwittert und diskutiert und retweeted und favorisiert, dass die Tastaturen krachten, und wehe, es hatte jemand eine Meinung, die dem Auge des Sturms nicht passte. Es war geradezu ein Musterbeispiel für das Phänomen der Emergenz: ein komplexes System entwickelt Eigenschaften, die seinen Bestandteilen weder zugeschrieben werden können, noch notwendigerweise von diesen beabsichtigt wurden.

Aber was sollte ich tun? Die klassischen Medien bewiesen ja jede Sekunde jedes Tages, dass sie zu den mir wichtigen politischen Fragen nichts beizutragen hatten, abgesehen von der bundesrepublikanisch altbewährten impliziten Haltung, man solle das doch bitte alles nicht so hochkochen und sowieso habe das doch alles ganz bestimmt letztlich schon seine Ordnung. Den Glauben an unsere aktuelle Parteiendemokratie hatte ich spätestens seit dem Piraten-Fiasko endgültig verloren (ich glaube, dass das absehbare Scheitern der Piraten mindestens so viel mit der institutionellen Struktur unseres Politsystems zu tun hat wie mit dem individuellen und organisatorischen Versagen der Piraten selbst). Ehrenamtlich war ich ohnehin schon aktiv. Also blieb doch wieder nur das Netz. Ich warf mich also wieder ins Getümmel, ich tweetete, teilte, kommentierte, verlinkte, was das Zeug hielt. Ich unterschrieb Online- und Offline-Petitionen. Ich schickte Mails an Freunde und Bekannte. Irgendwann kamen dann die Snowden-Leaks und gleich an ganzer Blumenstrauß an Thesen, die der tagesschau-Mainstream noch Monate zuvor als völlig absurde Verschwörungstheorien abgestempelt hatte, entpuppten sich nun als bittere Realität. Überraschend war allenfalls, mit welcher radioaktiven Ignoranz die Politik auf diese Enthüllungen reagierte und mit welcher eiskalten Skrupellosigkeit unsere Regierung uns Tag für Tag ins Gesicht log und lügt. Jedenfalls, das Thema für die Monate bis zur Bundestagswahl war ja nun eindeutig gesetzt – und Twitter explodierte.

Schon nach ein paar Wochen aber zeigte sich, dass der Tornado der Empörung es kaum noch über die Rand des twitter-Mikrokosmos hinaus schaffte. All die Heerscharen an Bloggern und all die anderen Kristallisationspersonen der Netzgemeinde schafften es nicht, Otto und Maria Normalverbraucher zu erklären, warum sie sich über die systematische Massenüberwachung ärgern sollten. Schlimmer noch: sie wollten es offenkundig auch gar nicht. Abgesehen von ein paar Plakaten der Piratenpartei und den unvermeidlichen Einlassungen von Sascha Lobo im sympathischen Verbrauchermagazin aus Hamburg habe ich praktisch keinerlei breite Diskussion der Thematik entdecken können, die aus der sog. „Netzgemeinde“ hervorging, noch nichtmal den Versuch dazu. Leute wie Frank Rieger, Jacob Appelbaum oder Fefe sind da leider die absolute Ausnahme. Die große Mehrheit twittert und bloggt im wesentlichen nach wie vor halb-autistisch vor sich hin und findet sich gegenseitig gut. Das ist auch ihr gutes Recht – mir ist durchaus bewusst, dass der Autor eines Blogs oder eines Twitter-Accounts i.d.R. eine Privatperson ist, die an sich keinerlei Rechenschaft über ihre Ansichten oder ihren Umgang mit Kritik u.ä. zu geben verpflichtet wäre (schon gar nicht mir gegenüber), sondern vielmehr im Allgemeinen tun und lassen kann, was ihr oder ihm passt. Es geht mir aber auch nicht um irgendwelche formalen „Verpflichtungen“ – es geht mir darum, eine neue Art der politischen Kommunikation zu finden. Und in diesem Sinne, d.h. als bestimmender Teil der digitalen Öffentlichkeit, kommt Bloggern und anderen Netz-Akteuren m.E. durchaus eine gewisse Verantwortung zu. Wir alle haben die verdammte Aufgabe, das Internet -das vielleicht großartigste Werkzeug, das die Menschheit je geschaffen hat- in einer persönlich und eben auch politisch verantwortungsvollen Art und Weise zu nutzen. Und mit Macht über den Diskurs geht eben Verantwortung einher, in der analogen wie in der digitalen Welt.

Vor ein paar Wochen ereignete sich dann noch ein Vorfall, der mich wirklich zum Nachdenken brachte. Eine halbwegs bekannte Person auf twitter, der ich folgte und die auch ein Blog betreibt, kündigte in einem tweet einen neuen Blogbeitrag über eine Demonstration an. Ich las den Blogbeitrag. Dann tweetete ich dieser Person eine Nachfrage zu einem inhaltlichen (eigentlich eher nebensächlichen) Detail aus dem Blogbeitrag. Daraufhin blockierte mich diese Person kommentarlos. Ich verstand nicht, was sie so aufgeregt hatte und hinterließ auf ihrem Blog einen Kommentar mit einer entsprechenden Nachfrage. Daraufhin bekam ich die einsilbige Antwort, das könne ich mir angesichts meines tweets doch wohl denken. Nun, mein tweet war weder unhöflich, noch enthielt er irgendwelche persönlichen Beschuldigungen o.ä., es ging lediglich um ein einigermaßen kontroverses geopolitisches Ereignis des neuen Jahrtausends, über dessen Interpretation ich und die besagte Person offensichtlich unterschiedlicher Meinung waren (gleichwohl wir vermutlich in vielen anderen politischen Fragen relativ ähnlicher Meinung sein dürften). Statt in irgendeiner Weise inhaltlich auf meinen tweet einzugehen, hatte mir besagte Person also schlichtweg kommentarlos die Tür vor der Nase zugeschlagen. Damit nicht genug, auf meine Nachfrage, was ich denn getan hätte, um eine solche Behandlung zu verdienen, folgte die fast schon hysterische Belehrung, dass es ja nunmal kein „Recht auf Folgen“ (sie war mir bis dahin auf twitter gefolgt) gäbe und ich für sie ohnehin als Gesprächspartner uninteressant sei und außerdem wolle sie mit jemandem, der zu dem genannten geopolitischen Ereignis eine Meinung wie die meine habe, nichts zu tun haben. Auf meine Erwiderung, dass ich bei einem derartigen Verhalten auch nicht an weiterem Kontakt interessiert sei und es mir im übrigen auch nicht um ihre Followerschaft, sondern schlicht und einfach um ihre Art der Kommunikation und das Fehlen jedweden zwischenmenschlichen Respekts ginge, ging sie selbverständlich gar nicht erst sein, sondern unterstellte mir via twitter sinngemäß das Betteln um Aufmerksamkeit. Diese Person konnte sich offensichtlich überhaupt nicht im Entferntesten vorstellen, dass ich etwas anderes im Sinn gehabt hätte als die universale twitter-Währung Aufmerksamkeit. Sie war ein hauptberuflicher Twitter-Rockstar mit soundsoviel Tausend followern, ich ein (relativ neuer) Teilzeit-Twitterer mit 31 Followern. Ergo musste es mir bei der ganzen Sache nur um das maximale Erzeugen von Aufmerksamkeit gegangen sein. Twitter-Logik. Da konnte ich noch so oft wiederholen, dass mir ihre retweets gestolen bleiben konnten und es mir einfach nur um die respektlose Art der Kommunikation bzw. Nichtkommunikation ging. Ebenso wie das vorangegangene Beispiel mit dem Blogger auf Google+ wird sich das für manche Leute vermutlich anhören wie das Lamentieren eines Ausgestoßenen, der es eben nicht geschafft hat, sich seine 15min Ruhm vor der Kamera zu erkämpfen. Ich habe versucht, darzulegen, dass es genau darum nicht geht und dass ich keinerlei Ambitionen in dieser Hinsicht hatte oder habe. Aber das wird manche Leute nicht davon abhalten, mir genau das trotzdem zu unterstellen. Von mir aus, man kann Verständnis nicht erzwingen.

Ich bin keiner Einzelperson „böse“ und dies ist auch keine „Abrechnung“ an sozialen Netzwerken oder irgendwelchen einzelnen Protagonisten. Es ist schlichtweg die vertextliche Enttäuschung darüber, was wir aus dem so großartigen Instrument Internet teilweise gemacht haben. Wir errichten Spielplätze für Eitelkeiten, statt dieses großartige Medium für einen produktiven Diskurs über unsere gemeinsame Zukunft zu nutzen, gerade in diesen widrigen Zeiten. Ich werde twitter und ggf. andere soziale Netzwerke weiterhin nutzen und versuchen, das zu bewegen, was ich kann. Im Moment aber habe ich meine aktive Teilnahme weitgehend zurückgefahren, das Netzwerk ist für mich erstmal lediglich wieder eine Art personalisierbarer Nachrichtenstrom.

Was hat das ganze jetzt mit meinem Blog zu tun?

Schließlich habe ja jetzt gute 3600 Worte darauf verwendet, zu beschreiben, dass meiner Erfahrung nach Blogs und soziale Netzwerke derzeit im Hinblick auf gelingenden Diskurs broken by design sind – und da ist auch schon die Antwort: ich nöchte wissen, ob es besser geht. Das hier ist ein Experiment, und vielleicht scheitert es grauenhaft. Ich werde über viele Dinge schreiben, in denen ich kein „Experte“ bin. Und ich werde steile Thesen aufstellen, radikale Behauptungen formulieren. Selbstverständlich wird sich vieles davon später, wenn ich älter, weiser und milder geworden bin, als Unsinn herausstellen. Manches wird sich aber auch bewahrheiten oder doch zumindest nicht widerlegt werden können.

Ich möchte meine schlechten Argumente um die Ohren geklatscht bekommen – und ich möchte wissen, wo ich Recht habe. Es soll inhaltlich brutal werden, und freundlich im Ton. Und es soll auch keineswegs nur um Politik gehen – mich interessieren viele Dinge, und über mindestens ebensoviele Dinge wüsste ich gerne mehr, als ich es tue. Vorschläge jederzeit willkommen.

Ich freue mich darauf. Es wird interessant. Macht mit.

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Jeden Tag ein Set

Qualität statt Quantität. Jeden Tag ein Set aus dem Bereich der elektronischen Musik.

¬p

p, ¬p & das Gegenteil davon.